Abū l-ʿAlāʾ al-Maʿarrī (arabisch أبو العلاء المعري, DMG Abū l-ʿAlāʾ al-Maʿarrī, lateinisch auch Abulola (Moarrensis), * 973 in Maʿarra; † 1057 in Maʿarra) war ein arabischer Philosoph und Dichter. Er wird trotz seiner unorthodoxen Ansichten als einer der größten klassischen arabischen Dichter angesehen. Er wurde in der nordsyrischen Stadt Maʿarra g
Biografie
Abū l-ʿAlāʾ al-Maʿarrī (arabisch أبو العلاء المعري, DMG Abū l-ʿAlāʾ al-Maʿarrī, lateinisch auch Abulola (Moarrensis), * 973 in Maʿarra; † 1057 in Maʿarra) war ein arabischer Philosoph und Dichter. Er wird trotz seiner unorthodoxen Ansichten als einer der größten klassischen arabischen Dichter angesehen. Er wurde in der nordsyrischen Stadt Maʿarra geboren, erblindete als Kind, studierte in Aleppo, Tripolis und Antiochien, wurde ein bekannter Dichter in Bagdad und kehrte im Jahr 1010 in seine Geburtsstadt zurück, wo er unverheiratet im Alter von 83 Jahren starb.
Al-Maʿarrī war ein Freidenker, Skeptiker und Rationalist und orientierte sich an der Vernunft als alleiniger Quelle der Weisheit. Er lehnte religiöse Dogmen vehement ab und übte scharfe Kritik an Islam, Judentum, Christentum und Zoroastrismus. Er selbst pflegte einen asketischen, abgeschiedenen Lebensstil und war ein strikter Veganer. Als Antinatalist war er der Meinung, dass Kinder nicht geboren werden sollten, um sie von den zu erwartenden Qualen des Lebens zu verschonen. Al-Maʿarrīs bekannteste Werke sind „Der Zunderfunke“, „Die Vorschrift, die nicht vorgeschrieben ist“ und das „Sendschreiben über die Vergebung“, welches oft mit Dantes Göttlicher Komödie verglichen wird. Aus diesem Grund ist er in moslemisch-konservativen Kreisen umstritten.
Al-Maʿarrī wurde im Dezember 973 in der nordsyrischen Stadt Maʿarra nahe Aleppo geboren, dem heutigen Maʿarrat an-Nuʿmān. Die Stadt gehörte zum Abbasiden-Kalifat, dem dritten islamischen Kalifat. Er gehörte zur angesehenen Banu Sulayman-Familie, die Teil des Tanukh-Stammes war. Einer seiner Vorfahren war der erste Qādī von Maʿarra. Der Tanukh-Stamm bildete jahrhundertelang die syrische Aristokratie, mehrere Familienmitglieder waren als Poeten bekannt. Auch sein Vater, Abdallah ibn Sulaiman, war als Philologe und Dichter bekannt. Im Alter von vier Jahren verlor Al-Maʿarrī infolge einer Pockenerkrankung sein Augenlicht. Sein späterer Pessimismus kann teils durch seine Erblindung erklärt werden, er beschrieb sich als „doppelten Gefangenen“ von Blindheit und Isolation. Seine Behinderung machte er durch sein ausgezeichnetes Gedächtnis wett.
Erste Versuche als Dichter machte er im frühen Alter von elf oder 12 Jahren. In seiner Heimatstadt und in Aleppo, später auch in anderen syrischen Städten und in Antiochia, studierte al-Maʿarrī den Islam und die arabische Sprache und Literatur. Unter seinen Lehrern in Aleppo waren Weggefährten von Ibn Hālawaih. Dieser Grammatiker und Gelehrte starb 980, als al-Maʿarrī noch ein Kind war. Trotzdem beweinte er in seinem Gedicht Risālat al-Ghufrān eindrücklich dessen Tod. Nach einem Bericht Ibn al-Qiftīs war al-Maʿarrī auf dem Weg nach Tripolis, als er in einem christlichen Kloster nahe Latakia einer Debatte über die hellenistische Philosophie lauschte, welche seinen späteren Skeptizismus und seine Irreligiosität beeinflusste.
1004/1005 erfuhr al-Maʿarrī vom Tod seines Vaters, dem er eine Elegie widmete. Später zog er nach Bagdad. Dort machte er die Bekanntschaft zahlreicher Gelehrter und wurde, obwohl er umstritten war, ein gern gesehener Gast in den Gelehrten-Salons der Stadt. In diese Zeit fällt auch ein Streit mit dem Literaten al-Murtadā. Nach einem erhitzten Disput über den Rang der Dichtung al-Mutanabbis ließ dieser al-Maʿarrī an den Füßen aus seinem literarischen Salon schleifen.
Nach eineinhalb Jahren in Bagdad kehrte al-Maʿarrī 1010 aus unbekannten Gründen in seine Heimatstadt zurück. Möglicherweise kehrte er zurück, weil seine Mutter erkrankt war, vielleicht auch aus finanziellen Gründen, da er sich weigerte, seine Werke in Bagdad zu verkaufen. Seine Mutter war bei seiner Ankunft bereits verstorben. Er verbrachte sein restliches Leben in Maʿarra, wo er sich für ein asketisches Leben in Abgeschiedenheit entschied. Nur einmal, als Gewalt die Stadt erfasste, musste er sein Haus verlassen. Obwohl er so beschränkt lebte, führte er seine dichterische Arbeit fort und arbeitete mit anderen zusammen. Er genoss höchsten Respekt und zog zahlreiche Schüler an. Er wurde wohlhabend, obwohl er sich weigerte, seine Werke zu verkaufen. Er unterhielt eine rege Korrespondenz mit den führenden Gelehrten seiner Zeit. Al-Maʿarrī starb unverheiratet im Mai 1057 in seiner Heimatstadt.
Al-Maʿarrī war ein Skeptiker und prangerte Aberglauben und religiösen Dogmatismus an. Aufgrund seiner negativen Weltsicht wurde er als pessimistischer Freidenker bezeichnet. Ein immer wiederkehrendes Thema in seinen Werken ist das Recht der Vernunft gegen Traditionen, Gebräuche und Autorität. Al-Maʿarrī lehrte, dass Religion eine „von den Vorvätern ersonnene Fabel“ sei, ohne Wert außer für Ausbeuter leichtgläubiger Massen. Zu Lebzeiten al-Maʿarrīs waren in Ägypten, Bagdad und Aleppo mehrere Kalifate entstanden, welche alle die Religion zur Stützung ihrer Macht gebrauchten. Er wies den Wahrheitsanspruch des Islams wie auch anderer Religionen zurück:
Man soll die Behauptungen der Propheten nicht für wahr halten; es sind allesamt Erfindungen. Den Menschen ging es gut, bis sie kamen und das Leben verpfuschten. Die heiligen Bücher sind nur Sammlungen nutzloser Geschichten, wie sie alle Zeiten hervorbringen konnten und auch hervorgebracht haben.
Vermächtnis und Einfluss
Al-Maʿarrī kritisierte viele Dogmen des Islams, wie z. B. den Haddsch, den er einen „Heidenzug“ nannte. Er wies jegliche göttliche Offenbarung zurück. Seine Überzeugungen waren die eines Philosophen und Asketen, für den die Vernunft einen moralischen Leitfaden bereithält und Tugend Belohnung genug für sich selbst ist. Al-Ma’arris religiöser Skeptizismus betraf nicht nur den Islam, sondern auch die anderen bekannten Religionen seiner Zeit:
Die Hanifen sind im Irrtum, die Christen sind
nicht auf dem rechten Weg, die Juden sind
verwirrt, und die Zoroastrier irrgeleitet!
Die Bewohner der Erde zerfallen in zwei Gruppen:
die einen haben Vernunft, aber keine Religion,
und die anderen haben Religion, aber keine Vernunft.
Al-Maʿarrī schrieb, dass Mönche in ihrem Kloster oder Gläubige in den Moscheen blind dem Glauben des Orts folgen würden – wären sie unter Magiern oder Sabiern geboren, wären sie Magier oder Sabier geworden. In einem weiteren Gedicht beschreibt er, als Blinder, die Welt als blind:


